rundumadum.at

20260224-231608
  • Update 2026-02-26, Do
    • Konkretisierung meiner beiden Beispiele

Was hat "Grau statt schwarz-weiß" mit dem Bild eines Buches über Indianische Weisheiten zu tun?

Indianische Weisheiten

Auf den ersten Blick wohl nichts. Schwarz-weiß könnte man eher mit dem daoistischen Yin-Yang-Symbol in Verbindung bringen. Dennoch, als ich über die zunehmend polarisierende Gesprächskultur unserer Zeit (ich will mich da gar nicht ausnehmen) nachdachte, da kehrten meine Gedanken zu einem Büchlein zurück, das ich vor kurzem wieder einmal hervorgekramt hatte: "Indianische Weisheiten". Und insbesondere zu folgendem Absatz:


Ein Gespräch begann niemals unvermittelt oder überhastet. Wie wichtig auch immer eine Frage war, niemand hätte sie je vorschnell gestellt, genauso wie sich niemand mit einer Antwort beeilte. Pausen, in denen sich die Gedanken entwickeln können, waren die einzig höfliche Art, ein Gespräch einzuleiten und zu führen.

Stille hatte große Bedeutung für die Lakota und das Schweigen des Gesprächspartners zu respektieren und selbst zu schweigen, bevor man zum Sprechen ansetzte, stellte einen Beweis von Höflichkeit dar und entsprach dem Grundsatz, dass "der Gedanke vor dem Sprechen kommt".

- Luther Standing Bear (1868? - 1939), Häuptling der Oglala Sioux - "Indianische Weisheiten" (Native American Wisdom)


Diese Höflichkeit zuzuhören, Pausen zu machen, nachzudenken, den anderen zu respektieren. Das passte irgendwie zu meinen Gedanken, daß es viel fruchtbarer wäre, mehr genauer zuzuhören, abweichende Meinungen versuchen zu verstehen, abweichende Argumente durchzudenken und davon zu lernen. Und wenn es nur wäre, um sich seiner eigenen Überzeugungen sicherer zu sein. Aber es birgt natürlich die Gefahr, daß man seine eigenen Überzeugungen gelegentlich ändern müsste. Zuzugeben, daß weiß nicht weiß und schwarz nicht schwarz ist, sondern das Ergebnis irgendwo dazwischen - also im Grau - liegt. Aber das ist verdammt schwer geworden. Kaum eine Diskussion vergeht wo nicht sofort "rechts/links", "woke", "antisemitisch" oder "rassistisch" gerufen würde. Klar, es gibt genug Aussagen, welche obige Kennzeichnungen eindeutig verdienen. Es wird aber auch viel Schindluder damit getrieben.

Zwei aktuelle Beispiele: Der Krieg in der Ukraine und der Gaza-Konflikt. Gerne würde ich eine Diskussion erleben, wo es möglich ist, daß die jeweilige andere Seite bei manchen Aussagen des Gegenübers zugibt: "Ja, in diesem Punkt hast du Recht bzw. nicht ganz Unrecht. Lass uns das in Ruhe näher erörtern." Daß man zumindest versucht, den anderen zu verstehen, sich in seine Lage hineinzuversetzen. Zuhört, nachdenkt und auf das Gesagte direkt eingeht und nicht als Antwort seinen eigenen Standpunkt nochmals unreflektiert herunterleiert.

Wenn wir etwas mehr "grau" zulassen, würden wir da Lösungen nicht einen Schritt näher kommen?

Update 2026-02-26, Do: Wie Dave von Nice Marmot (https://nice-marmot.net/) in einem Mail an mich richtig meint, ist obiges Beispiel sowohl bei den direkt Beteiligten des Ukraine-Krieges als auch des Gaza-Konlikts nicht zutreffend. Wie er anmerkt, ist für so eine Diskussion "good faith" - ich übersetz das mal mit "guter Wille" - notwendig. Das kann man z.B. Russland mit seinem Angriff auf die Ukraine als auch Israel und der Hamas nicht zugute halten.

Ich hatte aber - was ich nicht so genau dazugeschrieben habe - eigentlich die Beteiligten an Diskussionen über diese Konflikte im Sinn. Über beide Themen wird in Österreich, Deutschland und wohl in ganz Europa sehr ausführlich diskutiert. Auf diese Diskussionen bezog sich mein Vergleich. Da gibt es z.B. die Fraktion, ich nenn sie mal "die alten Friedensbewegten", von denen manche den Befürwortern einer Unterstützung der Ukraine u.a. Kriegstreiberei und Subventionierung der Rüstungsindustrie vorwerfen. Da gibt es andererseits die Unterstützer der Ukraine, welche die Friedensbewegten als naive Träumer sehen. Beide Seiten täten gut daran, mehr auf die anderen zu hören. Der Gaza-Konflikt ist noch mehr vermintes Terrain. Da ist man sofort mit "Antisemitismus" als auch "Genozid" bei der Hand. Wie soll bei soviel Intoleranz von beiden Seiten eine sinnvolle Diskussion möglich sein?


For my dear english readers (if there are any): Please use your browser or a website like https://www.deepl.com/en/translator. They might be much better than me.

Tags: log; #main#;
2026-02-24 / 2026-02-26